Zum zweiten Mal liegen fünf Tage Training zur Tutorin für neu ernanntes Schulleitungspersonal hinter mir. Fünf intensive Tage mit engagierten Kolleg:innen aus ganz unterschiedlichen Schulformen, viele Gespräche, Gedanken rund um Bildung, Schule, Lernen und Leadership. Hier reflektiere ich, was ich an Gedanken aus den Tagen mitnehme. Vielleicht inspiriert es jemanden von euch beim Lesen.
Empowerment ist einer der Begriffe, die ich aus dieser Woche mitnehme. Für mein Verständnis von Leadership trifft er etwas Wesentliches: Es geht darum, Menschen nicht nur etwas zu ermöglichen, sondern sie zu ermächtigen. Also Verantwortung wirklich abzugeben, Gestaltungsspielräume zu öffnen und darauf zu vertrauen, dass Menschen selbst entscheiden und wirksam werden können.
Wenn das für Leadership for learning gilt, bin ich ziemlich schnell beim Lernen selbst. Denn eigentlich wünschen wir uns doch genau das auch für Schüler:innen: Verantwortung übernehmen, eigene Entscheidungen treffen, sich ein Urteil bilden und erleben, dass das eigene Denken zählt.
Die Frage ist dann: Wie gestalten wir Lernsettings, die genau das ermöglichen?
Unser Training in dieser Woche war sehr klar strukturiert. Es gab einen roten Faden, klare Ziele und sehr professionell gestaltete PowerPoints. Oft war schon zu Beginn absehbar, wo wir am Ende ankommen sollten.
Diese Struktur hat durchaus Orientierung gegeben. Und gleichzeitig hat mich genau das ins Nachdenken gebracht.
Denn wenn wir eine Lernkultur wollen, in der Menschen selbst denken, kritisch hinterfragen und eigene Ideen entwickeln, müssten wir diese Art des Lernens dann nicht auch selbst erleben?
Ich möchte dabei Struktur und Offenheit gar nicht gegeneinander ausspielen. Ein offenes Lernsetting ist nicht automatisch ein gutes Lernsetting. Und gute Struktur kann sehr hilfreich und wichtig sein.
Spannend finde ich eine andere Unterscheidung:
Strukturieren wir den Lernprozess oder strukturieren wir auch schon das Denken und sein Ergebnis?
Ein Beispiel aus der Woche hat mir diesen Unterschied deutlich gemacht.
Wir sollten in einer Gruppe eine Definition von Leadership entwickeln. Wir haben diskutiert, formuliert und unsere Ergebnisse vorgestellt. Danach wurden uns wissenschaftliche Definitionen gezeigt und wir haben verglichen: Was davon hatten wir schon? Was fehlte noch?
Eine aktivierende Methode. Wir haben miteinander gesprochen, selbst formuliert und etwas erarbeitet.
Aber war die Frage wirklich offen? Eigentlich gab es die Antwort ja schon. Wir kannten sie nur noch nicht.
Ich habe mich im Nachhinein gefragt, was passiert wäre, wenn wir die wissenschaftlichen Definitionen direkt bekommen hätten. Nicht zum Nachvollziehen, sondern zum Auseinandernehmen:
Was überzeugt euch daran? Was fehlt? Wo widersprecht ihr? Was würdet ihr anders formulieren?
Das wäre ein anderes Lernen gewesen. Denn auf diese Fragen gab es keine vorbereitete richtige Antwort. Wir hätten uns positionieren und ein eigenes Urteil entwickeln müssen.
Dieser Unterschied beschäftigt mich.
Wir sprechen in Schule viel über kritisches Denken, Kreativität, Urteilskompetenz und Selbstverantwortung. Gleichzeitig gestalten wir Lernen oft so, dass das gewünschte Ergebnis bereits feststeht.
Und da nehme ich mich selbst mit hinein.
Auch ich plane Lernsettings. Ich strukturiere, formuliere Ziele und habe Vorstellungen davon, was am Ende herauskommen könnte. Natürlich braucht Lernen Orientierung. Aber vielleicht sollte ich mir beim Planen häufiger eine andere Frage stellen:
Was ist hier eigentlich wirklich offen? Wo können Lernende etwas entscheiden? Wo ist ihr Urteil gefragt? Wo können Gedanken entstehen, die ich vorher nicht vorgesehen habe?
Und was passiert, wenn am Ende etwas anderes herauskommt, als ich erwartet habe?
Vielleicht ist genau das für mich die Verbindung zwischen Leadership und Lernen.
Empowerment zeigt sich nicht darin, dass Menschen möglichst viel „selbst machen“. Entscheidend ist, ob ihr Denken und ihre Entscheidungen tatsächlich einen Unterschied machen.
Das ist anspruchsvoller als Beteiligung. Und wahrscheinlich auch unbequemer. Denn es bedeutet, einen Teil der Kontrolle abzugeben.
Für Leadership genauso wie für Lernen.
Ganz am Ende wurde es dann doch noch offen: Wir haben uns gegenseitig Pappteller auf den Rücken geklebt und darauf festgehalten, was wir aneinander positiv wahrgenommen haben. Was dort am Ende stand, war tatsächlich nicht vorhersehbar.
