Eindrücke von der Fachtagung „Schul- und Unterrichtsentwicklung an beruflichen Schulen mit Digitalisierung und KI weiterentwickeln“

Ich sitze gerade im Zug auf dem Weg nach Wutöschingen, wo ich heute die OERcamp-Werkstatt an der Alemannenschule besuche. Bevor dort neue Eindrücke dazukommen, möchte ich den gestrigen Tag noch kurz festhalten.
Gestern war ich in Hamburg auf einer bundesweiten Fachtagung des Paktes für berufliche Schulen. Rund 300 Menschen aus Politik, Wissenschaft, Behörden und Bildungspraxis, verteilt auf elf Fachworkshops, mit dem Ziel, Impulse für berufliche Schulen im KI-Zeitalter erarbeiten. Wie bei solchen Veranstaltungen oft, gab es viele große Worte auf der Bühne, aber auch sehr konkrete und ehrliche Gespräche in Pausen und in den Workshops.
Für mich sehr hilfreich fand ich den Vortrag von Prof. Dr. Doris Wessels. Ich erlebe auf pädagogischen Tagen und in Diskussionen ebenfalls die Situation, dass wir den „schwarzen Peter“ gerne weiterreichen. „Die Schulleitung müsste…“ , „Die Behörde müsste eigentlich…“ etc. Natürlich gibt es strukturelle Veränderungsbedarf. Aber irgendwann bleibt die Frage: Was kann ich selbst tun? Heute, mit dem, was ich habe. Ich glaube, das ist gerade für viele Lehrkräfte eine schwierige Herausforderung, trotz aller systemischen Grenzen handlungsfähig zu werden.
Was mich auf dieser Tagung auch beschäftigt hat ist, dass wir in der Bildung das Thema KI immer noch als Add-on-Thema denken. Als etwas, das man jetzt eben auch noch bearbeiten muss. Aufgefallen ist mir das z.B. als ich mich mit einer BBS über ihre KI-Strategie unterhalten habe. Ich fand die KI-Strategie super, die sie erarbeitet haben und denke auch darüber nach, wie ich BBS in Niedersachsen bei der Entwicklung einer KI-Strategie unterstützen kann. Auf der anderen Seite denke ich, dass wir vielleicht eher eine Strategie für „neues Lernen“ an Schule brauchen. Denn wenn KI nur ein weiteres Thema wird, das wir ins bestehende System einsortieren, verpassen wir vielleicht das Wesentliche, nämlich die Frage, wie Menschen in einer Welt lernen, die von ständiger Veränderung geprägt ist. Diesen Gedanken nehme ich mit in die OER-Werkstatt, vielleicht finde ich dazu Ideen und Austauschmöglichkeiten.
Nach dem Vortrag von Prof. Wessels ging es in verschiedenen Workshops weiter. In meinem Workshop wurde an der Frage gearbeitet, wie wir individuelles und gemeinschaftliches Lernen mittels Digitalisierung und KI miteinander verbinden können. Dazu sollten Handlungsempfehlungen erarbeitet werden. Unsere Gruppe hat hier vor allem den Gedanken der Prozessorientierung eingebracht. Wenn KI inzwischen viele Produkte und Ergebnisse erzeugen kann, dann müssen wir viel stärker auf das schauen, was davor passiert: das Denken, das Reflektieren, das Zusammenarbeiten, das Treffen von Entscheidungen. Nicht das Ergebnis zählt, sondern der Weg dorthin.

Einen weiteren Gedanken, den ich mit den Kolleg:innen im Workshop für mich ausgeschärft habe ist die Frage, wie wir diese neuen Lernsettings gestalten. Selbstorganisiertes Lernen im Kontext von KI braucht neue Lerndesigns und eine neue Lehrkräfterolle. Die Lernbegleitung ist im Grunde ein anderer Beruf, einer, den die meisten Lehrkräfte so in ihrer Ausbildung nicht gelernt haben. Es fällt uns als Lehrkraft schwer, alte und gelernte Muster abzulegen und uns auf etwas Neues einzulassen. Wenn das aber ausbleibt, verändert sich zwar das Setting, also Lernende dürfen sich aussuchen, wo sie lerne oder mit wem sie lernen, aber die alten Aufgabenformate bleiben. Und dann wird SOL scheitern und zu Frustration auf allen Seiten führen.
Lernräume verändern sich nicht automatisch durch Technologie. Sie verändern sich durch Haltung, durch Kultur, durch bewusste Gestaltung und durch Lehrkräfte, die dazu ausgebildet und fortgebildet werden. Hilfreich finde ich dazu auch diesen Blogbeitrag von Ulrike Linz „Lernraumkonzept“.
Bei allen großen Gedanken über das Lernen nehme ich auch eine Idee für ein hilfreiches Tool von gestern mit: take-aw.ai : Alle Teilnehmenden sprechen ihre Gedanken zu einer Frage als Sprachnachricht in ihr Handy. Das Tool wertet die Sprachnachrichten aus und macht drei wesentliche Gedanken sichtbar. Das werde ich in meiner nächsten Fortbildung auch probieren.
Jetzt freue mich auf drei Tage in Wutöschingen, mit ganz viel Austausch, wie z.B. mit Elske aus Emden oder Nele vom ebildungslabor.