Kontrolle als Fürsorge oder als Selbstschutz?

Ich habe heute angefangen das Buch „Resonante Lernkulturen“ von Ulrich Wirth zu lesen. Uff, so viele Irritationen, neue Impulse zum Nach- und Weiterdenken und so viele Sätze, die nachhallen, aber die ich gar nicht genau verstehe. Hier versuche ich wichtige Gedanken für mich festzuhalten und zugleich zu teilen, weil ich denke, das könnte auch für andere pädagogisch tätige Menschen interessant sein. Ich lese diese Buch, weil ich bisher sehr stilles Mitglied im Edubuchclub von Nele Hirsch bin. Ich verfolge, welche Bücher gelesen werden, aber in meinem Alltag komme ich kaum dazu, so schnell mitzulesen. In diesem Monat will ich mir bewusst Zeit für das Buch nehmen und teile hier meine Gedanken dazu.

Ist Struktur ein Geschenk an die Gruppe oder an mich selbst?

Eine Agenda in meinen Workshops oder Unterrichtsstunden ist für mich selbstverständlich und meist das erste, was ich erstelle. Sie schafft Transparenz, gibt Orientierung und zeigt der Gruppe, welchen Weg wir heute gemeinsam gehen. Das war bis heute meine Überzeugung.

Beim Lesen der ersten Kapitel kam die Irritation: Wenn ich alles vordenke, übernehme ich die Kontrolle. Beteiligung wird zum Add-on oder zum Nice-to-have, Mitgestaltung bleibt dann die Ausnahme. Der Weg ist ja schon festgelegt, bevor jemand den Raum betritt.

Ich struggle damit. Weil Struktur in meinem Kopf mit Fürsorge verknüpft ist, mit Orientierung, mit Klarheit, mit gutem Unterricht. Aber vielleicht ist sie manchmal auch Selbstschutz: vor dem Unerwarteten, vor dem Kontrollverlust, vor der Stille oder dem Chaos, das entsteht, wenn ich den Lernraum wirklich öffne.

Zwei Sätze aus dem Buch hallen bei mir noch nach:

Das habe ich zuletzt in einem Leitbild-Workshop erlebt. Wir haben mit Lego-Serious-Play gearbeitet, die Teilnehmenden haben aus Lego eine Schule gebaut, wie sie sie sich wünschen. Nicht beschrieben, nicht präsentiert, sondern mit den Händen gebaut. In diesem Moment entstand eine Energie aus der gemeinsamen Arbeit.

Dieser Satz trifft mich anders. Er wird mir immer klarer, wenn ich selbst Teilnehmende bin: bei Fortbildungen, Konferenzen, pädagogischen Tagen. Ausgerechnet dort, wo es um gutes Lernen gehen sollte, reproduzieren wir genau das, wovon wir in Schule wegwollen. Frontale Ausrichtung, Wissen übertragen, Beteiligung als Ausnahme. Wenn wir diese Kultur in unseren eigenen Veranstaltungen nicht verändern, wird sich auch im Unterricht nichts verändern.

Beim Schreiben merke ich, dass alle Gedanken um dasselbe Thema kreisen: Kontrolle vs. Öffnung. Vorgabe vs. Mitgestaltung. Struktur vs. Resonanz. Das ist mein Lernthema in diesem Buch und auch in meiner Praxis als Lernbegleiterin.

Ich werde die Agenda noch nicht abschaffen, aber ich fange an, sie zu hinterfragen. Was gibt sie der Gruppe wirklich? Was gibt sie mir? Und wo wäre ein offener Raum besser damit etwas entsteht, das ich nicht vorgedacht habe?

Das ist die Frage, mit der ich aus diesen 60 Minuten Lesen herausgehe.