Im Rahmen einer Veranstaltung des Niedersächsischen Kultusministeriums zum Thema Freiräume in schulischen Transformationsprozessen habe ich gemeinsam mit einer Kollegin einen Workshop zur Unterrichtsbeobachtung gestaltet.
Unsere Leitfrage lautete:
Wie kann Unterrichtsbeobachtung zu einem Entwicklungsinstrument werden?
Für die berufsbildenden Schulen in Niedersachsen gibt es mit dem Portal Interne Evaluation (PIE) und den Instrumenten SchüBe (Schüler:innenbefragung), LeBe (Lehrkräftebefragung) und UB (Unterrichtsbeobachtung) einen unterstützenden Rahmen. An der inhaltlichen Weiterentwicklung dieser Instrumente habe ich im letzten Jahr mitgearbeitet.
Das Portal und die Bögen geben Schulen eine hilfreiche Struktur an die Hand.
Aus meiner Sicht viel entscheidender für die Entwicklung einer Evaluationskultur und für das wirkungsvolle Nutzen der Ergebnisse zur Schul- und Unterrichtsentwicklung sind andere Aspekte:
- Das WHY klären: Wozu wollen wir Unterricht beobachten?
- Die lernorientierte Haltung: Wie schauen wir auf Unterricht?
- Vertrauen und Schutz: Wie sicher fühlen sich Beteiligte?
- Trennung von Beobachtung und Bewertung: Was und wie beschreiben wir?
- Professionelle Sprache & Fragen: Wie sprechen wir über die Beobachtungen?
- Einbettung in eine Kultur: Ist Evaluation bzw. Feedback Teil unserer Schulkultur?
Methodischer Zugang: Die Kopfstandmethode
Um das Thema zu öffnen, haben wir mit der Kopfstandmethode gearbeitet. Die Leitfrage lautete zunächst:
Was müssten Schülerinnen und Schüler, beobachtende Kolleg:innen oder Schulleitung, beobachtete Lehrkräfte tun, damit Unterrichtsbeobachtung möglichst schiefläuft?
Im zweiten Schritt haben wir den Perspektivwechsel vollzogen:
Was braucht es stattdessen, damit Unterrichtsbeobachtung gelingt?
Hier entstanden konstruktive Gedanken:


Der Unterrichtsbeobachtungsbogen bietet:
- Orientierung
- gemeinsame Kriterien
- Gesprächsanlässe
Diese Struktur schafft Sicherheit und macht Entwicklung nachvollziehbar.
Doch kein Bogen entfaltet seine Wirkung aus sich selbst heraus. Mit einer kontrollorientierten Haltung wird derselbe Bogen zum Bewertungsinstrument. Mit einer entwicklungsorientierten Haltung wird er zum Reflexionsimpuls und zum Gesprächsanlass.
Haltung bedeutet:
- Ich trenne Person und professionelles Handeln.
- Ich sehe Unterrichtsbeobachtung als Lernchance.
- Ich richte den Blick auf Lernprozesse.
- Ich bin bereit, mein eigenes Handeln zu reflektieren.
Vom Unterricht zur Lernentwicklung
Im Workshop wurde außerdem deutlich, dass es im Kern nicht um Unterrichtsentwicklung geht, sondern um Lernentwicklung. Wir beobachten Unterricht, aber wir interessieren uns für das Lernen.
Diese Perspektivverschiebung verändert Gespräche grundlegend:
Nicht: „Wie war die Stunde?“
Sondern: „Was hat den Schüler:innen Lernen ermöglicht? Wo gab es Hindernisse? Was können wir verändern?“
Damit wird Unterrichtsbeobachtung zu einem gemeinsamen Nachdenken über Lernprozesse.
Wie schaffen wir es an Schulen, eine Haltung zu entwickeln, die diese Weiterentwicklung wirklich ermöglicht?
Es braucht:
- Vertrauen
- Dialogfähigkeit
- professionelle Offenheit
- geteilte Verantwortung
- Führung, die Entwicklung schützt
- Strukturen, die Reflexion selbstverständlich machen
Eine Evaluationskultur entsteht nicht durch Fragebögen. Sie entsteht durch Menschen, die das Lernen (ihr eigenes und das der Schüler:innen) in den Mittelpunkt stellen.