Die Frage, wie wir als Lehrkräfte Kontrolle abgeben können, begleitet mich schon länger. In der letzten Woche ist sie mir in einem Gespräch mit Kolleg:innen wieder sehr deutlich begegnet, weshalb ich hier darüber weiter nachdenke und schreibe.
Ich habe an meiner Schule im Bildungsgang MFA einen Teamtag begleitet. Inhaltlich ging es um Lernen im Kontext von KI. In einer der Austauschphasen äußerte eine Kollegin, dass es ihr schwerfalle, Kontrolle an Schülerinnen abzugeben. Eine zweite stimmte sofort zu und begründete das mit Erfahrungen: Wenn Schülerinnen zum Lernen zum Beispiel in die Cafeteria gehen, funktioniere das erfahrungsgemäß nicht gut.
Diese Aussagen haben mich beschäftigt, weil mir klar geworden ist, wie unscharf wir darüber sprechen, was wir meinen, wenn wir von „Kontrolle abgeben“, „Freiräumen“ oder „offenem Lernen“ reden.
Wir benutzen das Wort Kontrolle, als wäre es eindeutig. Ist es aber nicht.
Geht es um Kontrolle über den Raum? Über Zeit? Über Verhalten? Oder über Inhalte und Ergebnisse? In vielen Diskussionen vermischen sich diese Ebenen. Und wenn dann etwas nicht funktioniert, fühlt es sich schnell so an, als würde „Offenheit“ grundsätzlich scheitern. Dabei scheitert oft etwas ganz anderes.
Wenn ich Schüler*innen mit einer stark vorgegebenen Aufgabe losschicke und mich gleichzeitig aus der Begleitung zurückziehe, entsteht ein Bruch: Die Aufgabe bleibt eng, der Rahmen wird offen, das passt nicht zusammen. Kontrolle abzugeben heißt für mich: weniger festlegen, was am Ende bei allen stehen muss, und mehr öffnen, wie sich Lernende einem Thema nähern. Offen zu arbeiten bedeutet für mich vor allem: ergebnisoffen zu sein. Nicht im Sinne von Beliebigkeit, sondern im Sinne von Vertrauen. Ich lege nicht schon zu Beginn fest, welche Fragen „die richtigen“ sind oder welches Produkt am Ende entstehen soll. Ich lasse zu, dass Schüler*innen eigene Zugänge entwickeln und begleite diesen Prozess. Ganz kleine Schritte sind z.B., dass ich die Schüler:innen individuell entscheiden lasse, wie sie ihr Ergebnis festhalten wollen: Mindmap, Tabelle, Audio, Checkliste etc.
Gleichzeitig weiß ich: Das funktioniert nicht ohne Unterstützung. Selbstorganisiertes Lernen ist kein Selbstläufer. Schüler*innen brauchen Orientierung, Zwischenstopps, Feedback. Kontrolle abzugeben heißt also nicht, sich zurückzuziehen, sondern anders präsent zu sein. Ich gebe Kontrolle nicht einfach ab, ich verlagere sie. Weg vom ständigen Überprüfen einzelner Schritte, hin zur Gestaltung tragfähiger Lernsettings. Das fühlt sich manchmal ungewohnt an und klappt auch nicht einfach und problemlos, wie ich z.B. hier berichte. Aber ich erlebe immer wieder, dass genau dort Lernen möglich wird, das über das Abarbeiten von Arbeitsaufträgen hinausgeht.
Dieser Teamtag hat mir auch deshalb viel Spaß gemacht, weil ich ihn mit meinen eigenen Kolleg*innen verbringen konnte. Sonst arbeite ich häufig mit mir fremden Lehrkräften und merke, dass ich durch die vielen Abwesenheiten ein bisschen den Draht zu meinen eigenen Kolleg:innen verliere. Dieser Tag mit viel kollegialem Austausch hat mir gut getan.
Ich nehme daraus mit:
Wir brauchen mehr solcher Austauschräume. Zeit und Gelegenheiten, um jenseits von To-do-Listen über wichtige pädagogische Fragen zu sprechen.
Vielleicht beginnt genau dort das eigentliche Abgeben von Kontrolle.