Heute bin ich für zwei Tage in der Katholischen Bildungsstätte Stapelfeld. Ich begleite hier zusammen mit meinem Fachberaterkollegen Ralf Keiser Kolleg:innen der BBS Technik und Gestaltung aus Lingen, die gemeinsam Lernsituationen für die in Niedersachsen neu eingeführte Schulform BFS dual (Berufsfachschule dual) entwickeln. Die BFS dual vermittelt den Schüler:innen durch einen hohen Praxisanteil eine breit angelegte und vertiefte berufliche Grundbildung und Orientierung, die in verschiedenen Profilen bzw. Fachrichtungen erworben werden kann.
Mein Part heute: ein Impuls zum Thema Veränderung.
Ich bin diesmal mit einer persönlichen Geschichte eingestiegen: Als ich vor rund 30 Jahren in Lingen zur Schule ging und auf dem Dorf wohnte, musste ich den Bus nehmen, um in die Stadtbibliothek zu kommen, wenn ich an Informationen kommen wollte. Die Fahrt dorthin dauerte etwa 45 Minuten. Diesen Weg musste ich auf mich nehmen, um an Wissen zu gelangen. Auf dieses Wissen aus den Büchern und Zeitschriften konnte ich vertrauen. Heute ist Wissen nicht mehr an einen Ort gebunden. Es ist immer und überall mit einem Klick verfügbar, aber ich kann nicht mehr darauf vertrauen, dass es wirklich richtig ist. Dieses Beispiel zeigt, dass technologische Veränderung ganz grundlegend verändert, wie wir lernen, arbeiten und Wissen bewerten.
Die Chance der neuen Schulform Mit einer neuen Schulform wie der BFS dual geht es nicht darum, Bekanntes neu zu verpacken, also kein alter Wein in neuen Schläuchen. Sie eröffnet vielmehr die Möglichkeit, das Lernen selbst neu zu gestalten und nicht nur Inhalte zu übertragen. Wenn sich Gesellschaft so grundlegend verändert, kann Schule kein Ort des Stillstands mehr sein. Ein fester Wissenskanon passt nur noch bedingt zu einer Welt, in der sich Wissen ständig wandelt und Informationen immer auf Richtigkeit überprüft werden müssen. Begriffe wie VUCA oder BANI beschreiben diese Unsicherheit, Dynamik und Ambivalenz, die wir alle spüren. Und immer neue Entwicklungen einfach additiv in Schule zu integrieren, führt eher zu Überforderung als zu echter Neugestaltung. Ein verändernder Ansatz bedeutet, dass neue Anforderungen nicht einfach „on top“ kommen, sondern Anlass sind, Unterricht, Rollen und Lernprozesse grundsätzlich zu überdenken.

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, alles Bewährte infrage zu stellen. Basiskompetenzen bleiben zentral. Aber wir müssen uns einer neuen Realität stellen: Wenn es uns nicht gelingt, Neugier und den inneren Drang, Dinge selbst herauszufinden, bei Schüler:innen zu wecken, greifen viele unserer didaktischen Überlegungen zu kurz. Wir können noch so sorgfältig gestaltete Lernsituationen entwickeln, Schüler:innen werden die Abkürzung gehen und sie von Sprachmodellen bearbeiten lassen, wenn sie nicht den eigenen Drang des Herausfindens entwickeln, wenn sie nicht den Wert des Lernens erkennen. Das erscheint mir eine wichtige Aufgabe für Schule und Lehrkräfte, sich dieser Aufgabe zu widmen und dieses Feld der Lernfreude genauer zu beleuchten.
Für mich liegt darin eine zentrale Gestaltungsaufgabe: Lernfreude ist kein „weiches Thema“ und kein nice-to-have. Sie ist die Voraussetzung für das Lernen in einer digitalen und von KI geprägten Welt. Erst wenn Schüler:innen erleben, dass Lernen etwas mit ihnen zu tun hat, entsteht der Wunsch, sich selbst auf den Weg zu machen und nicht nur Ergebnisse zu produzieren. Für Lehrkräfte wie für Schüler:innen bedeutet das: den Fokus mehr auf den Lernprozess und weniger auf das Ergebnis zu legen.
Warum ist mir der theoretische Hintergrund dabei so wichtig?
Mein Eindruck heute war, dass dieser theoretische Hintergrund die Teilnehmenden etwas gelangweilt hat. Diese Theorie liefert keine fertigen Rezepte für die Unterrichtspraxis, aber sie gibt Orientierung. Sie ist für mich ein Werkzeug der Professionalisierung. Diese Erklärungen helfen mir, meine eigenen Erfahrungen einzuordnen und sie nicht als individuelles Scheitern zu verstehen, sondern als Teil eines größeren gesellschaftlichen Wandels. Das entlastet enorm. Und es schützt vor blindem Aktionismus: vor dem schnellen Ruf nach noch einem neuen Tool, nach noch einem Projekt. Theorie ist unser Kompass im Nebel der Veränderung. Erst wenn wir verstehen, warum sich Schule verändern muss, können wir gemeinsam überlegen, wie wir das Lernen sinnvoll gestalten wollen.
Zum Abschluss habe ich den Kolleg:innen eine „Inspirationsdusche“ mitgegeben, kurze Impulse von Nele Hirsch vom eBildungslabor. Keine Rezepte, sondern kleine Ideen und Impulse von Lehrkräften bzw. Schulen, die sich schon auf den Weg gemacht haben, das Lernen neu zu gestalten.

Ich wünsche mir in solchen Momenten manchmal mehr sichtbare Resonanz, ein Nicken, ein Lächeln, eine Nachfrage oder auch Widerstand. Meine Hoffnung ist, dass es, auch wenn ich es den Teilnehmenden nicht ansehe, dass es doch leise in ihnen weiterarbeitet.
Vielleicht ist genau das der Anfang von Veränderung.