Veränderung will gestaltet werden

Begleitung des DigiDays „Lerngestaltung in der Digitalität“ des Studienseminars Oldenburg

Wenn 130 Referendar:innen und Lehrkräfte zusammenkommen, um über Lernen in der Digitalität nachzudenken, braucht es ein Setting, das Offenheit zulässt. Genau das wollten wir beim Barcamp im Studienseminar Oldenburg ermöglichen: Räume schaffen, in denen gedacht, ausprobiert, geteilt und gestaltet wird und möglichst wenig frontal konsumiert. Die Aula der BBS Ammerland war dafür wie gemacht: groß, hell, offen und voller Möglichkeiten.


Ein Lernsetting, das zur Bewegung einlädt

Wir haben uns bewusst gegen die klassische Sitzordnung (Frontalausrichtung nach vorne) entschieden. Stattdessen standen oder saßen die Teilnehmenden verteilt vor Stellwänden, an Stehtischen etc. Der Lernraum sollte Bewegung provozieren und möglichst wenig passive und konsumierende Sitzhaltung zulassen. Wir als Vorbereitungsteam waren begeistert von diesem Setting.

Nach einer kurzen Begrüßung gab es zum Einstieg einen Kartentausch mit selbstformulierten Statements zum Thema des Tages. Alle Teilnehmenden nahmen sich eine farbige Karte:

Vorbereitung des Kartentausches. Alle Teilnehmenden haben eine Karte entsprechend der Farbe beschriftet.

Der anschließende Kartentausch brachte Leben in den Raum. Diese Energie, die dabei entsteht, mag ich sehr gerne.


Mein Impuls:

Titelfolie meines Impulses als Einstieg in das Barcamp.

Meinen Impuls hatte ich in drei Abschnitte eingeteilt. Nach jedem Abschnitt gab es eine Leitfrage zur Diskussion in den Gruppen. Die Ergebnisse wurden von jeder Gruppe auf Flipcharts festgehalten. In einem weiteren Beitrag fasse ich die Ergebnisse zusammen.

1. Verstehen: Die Baustelle als Bild unserer Zeit

In meinem ersten Impuls habe ich versucht, die aktuelle Situation greifbar zu machen: Unsere Gesellschaft gleicht einer Großbaustelle. Alte Mauern werden eingerissen, neue entstehen, Fundamente liegen offen. KI, Digitalisierung, Informationsflut, Polarisierung, es ist Vieles im Umbruch. Und wie reagieren wir als Schule? Mit Ablehnung, mit Aneignung (wir digitalisieren den Frontalunterricht) oder mit Einverleibung (wir nutzen KI zur Erstellung von Aufgaben), aber noch sehr selten mit echter Neugestaltung.

Impuls: Alte Strukturen in Schule einreißen und die Chance der Neugestaltung sehen.

Die Metapher der Baustelle ist für mich nach wie vor stimmig. Sie zeigt, dass wir uns mitten im Prozess befinden, dass es laut, unübersichtlich, manchmal frustrierend ist und dass genau hier Neues entstehen kann.

2. Möglichkeiten sehen: KI als Impulsgeber

Im zweiten Teil ging es um KI. Ich habe erklärt, wie Sprachmodelle funktionieren und wie eine kluge Nutzung aussehen könnte, z.B. als Resonanzraum, statt als Antwortmaschine. Im anschließenden Gruppengespräch überlegten die Teilnehmenden, wie eine lernförderliche Nutzung von generativer KI aussehen könnte.

Leitfrage für die Gruppen.

3. Handeln: Wie gestalten wir Veränderung?

Der dritte Impuls war mir besonders wichtig. Ich habe darüber gesprochen, wie ich persönlich versuche diesen Wandel zu gestalten, ich wollte damit Gestaltungsmöglichkeiten aufzeigen. Eine Idee ist für mich die Kultur des Teilens vorzuleben. Die Kultur des Teilens meint nicht nur das Teilen von Materialien und Ideen sondern vor allem das Teilen unserer Lernprozesse. „Bildet Banden“ war mein Appell: Vernetzt euch, teilt Erfahrungen, stellt eure Versuche ins Licht. So wie ich es hier im Blog versuche: nicht perfekte Lösungen liefern, sondern Entwicklungen sichtbar machen. Darüber hinaus habe ich den didaktischen Schieberegler von Axel Krommer vorgestellt, den ich für die Gestaltung von Unterricht in diesem Veränderungsprozess sehr hilfreich finde. Ergänzt habe ich den Schieberegler um den Aspekt des Lernens: So viel lehren wie nötig, so viel lernen wie möglich.

Im Nachhinein denke ich allerdings: Genau in diesem Impuls hätte ich viel stärker an der Lebenswelt der Referendar:innen ansetzen müssen. Was heißt Teilen im Referendariat? Wie geht man offen mit Versuchen um, wenn Fehler sich wie Risiken anfühlen? Wie teilt man Lernprozesse, wenn jede Unterrichtsstunde bewertet wird? Hier habe ich sie gefühlt nicht so abgeholt, wie ich es mir gewünscht hätte.

Überlegen könnte man auch, ob es überhaupt einen solchen Impuls zu Beginn eines Barcamps braucht.


Vom Impuls zum Barcamp: Verantwortung weitergeben

Nach meinem Input führten zwei Referendarinnen in das Barcamp ein und erinnerten daran, dass ein Barcamp davon lebt, dass die Teilnehmenden selbst Verantwortung übernehmen. Die Kaffeepause diente dazu, Ideen weiter zu schärfen und aus dem frühen Austausch heraus hätte eigentlich vieles entstehen können.

Die Sessionplanung begann vielversprechend, aber am Ende gab es weniger Angebote, als ich erwartet hatte. Auch nach einem erneuten Aufruf kamen nur wenige zusätzliche Vorschläge. Ich habe mich gefragt, woran das liegt. War mein Impuls nicht aktivierend genug? Lag es am ungewohnten Format? An der Angst vor der Bewertung der Fachleitungen? An der Belastung im Referendariat? Daran, dass Offenheit in diesem System nicht immer belohnt wird?

Barcamps leben von Mut, und Mut braucht Sicherheit. Vielleicht war der Rahmen noch nicht sicher genug.

Ich entschied mich dann, gleich zwei Sessions anzubieten, weil ich solche Situationen schlecht aushalten kann. Gleichzeitig frage ich mich, ob es nicht wertvoller gewesen wäre, die Lücke stehen zu lassen, als sichtbare Einladung, als Raum, der nur durch die Gruppe gefüllt werden kann.

Sessionplan für das Barcamp.

Meine beiden Sessions

  • Arbeiten mit generativer KI, in Vorbereitung und im Unterricht
  • Ask me all: Ich erkläre was zu meinen Arbeitsweisen

Beide Sessions waren lebendig, offen und angenehm kollegial. Ich bin mit beiden sehr zufrieden.

Abschluss im Plenum:

Nach den Sessions gab es einen Abschluss im Plenum. Alle Teilnehmenden erhielten zur Selbstreflexion eine Weihnachtskarte, auf der sie ihre Take-Aways des Tages festhalten konnten. Meine beiden lauteten:
„Offene Lernsettings gestalten“ und „Neugestaltung statt Einverleibung“.

Es folgte noch eine Menti-Abfrage. Ich halte von solchen anonymen Wortwolken als Feedback sehr wenig. Persönliche Rückmeldungen, mit einer Stimme, einem Gesicht, einer Verantwortung haben aus meiner Sicht mehr Tiefe.


Das Lernsetting selbst war stimmig: offen, bewegungsorientiert, kollaborativ. Gleichzeitig entstanden zu viele Pausen, weil wir mit mehr Sessionangeboten gerechnet hatten. Für das nächste Mal nehme ich mit, Pausen klarer zu rahmen und die Aktivierung der Teilnehmenden noch bewusster zu gestalten.

Am Ende dieses Tages wurde mir noch einmal bewusst, wie sehr mich diese Arbeit erfüllt. Die Zusammenarbeit mit dem Studienseminar Oldenburg hat mir wieder viel Freude gemacht. Ich habe gemerkt, wie viele Menschen mir in den letzten drei Jahren begegnet sind, mit wie vielen ich inzwischen in unterschiedlichen Kontexten verbunden bin. Diese Netzwerke tragen und motivieren mich und bereichern meine Arbeit sehr.

Ausblick

Die inhaltlichen Ergebnisse des Tages, also die Sorgen, Chancen, Ideen und Perspektiven der Teilnehmenden auf Lernen, KI und Veränderungsprozesse, verdienen einen eigenen Artikel. Im nächsten Beitrag fasse ich diese Ergebnisse zusammen und zeige, welche Themen die Referendar:innen besonders bewegen.