Die offene Tür, durch die niemand geht

offene Käfigtür

Am Freitag saß ich nach meinem Unterricht noch eine Weile alleine im Raum. Zum zweiten Mal in kurzer Zeit war ich sehr unzufrieden mit mir und dem Unterricht. Die Atmosphäre in der Klasse, die Unsicherheit, Unzufriedenheit und Zurückhaltung meiner Schüler:innen, all das ging mir nach und beschäftigte mich das ganze Wochenende. Hier schreibe ich jetzt meine Gedanken auf, um zu reflektieren und zu strukturieren, und vielleicht helfen diese Impulse auch anderen, die solche Situationen kennen.

Mein Ziel ist, dass junge Menschen Lernkompetenz entwickeln und möglichst mit Freude und Interesse lernen. Nicht nur, um Prüfungen zu bestehen oder Aufträge zu erfüllen, sondern weil Lernkompetenz und Handlungskompetenz darüber entscheiden, wie wir unsere Gegenwart und Zukunft gestalten können.

Deshalb gestalte ich meine Lernangebote mit viel Offenheit und der Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie ich als Lernende:r vorgehen möchte: Text lesen oder Video schauen, schnell arbeiten oder sich Zeit nehmen, Merkblatt nach eigenen Bedürfnissen erstellen, Inhalte auswählen, die mich interessieren. Dazu gehört für mich auch, den Lernprozess zu planen: Was will ich eigentlich lernen? Und den Lernprozess zu reflektieren: Was und wie habe ich heute gelernt? Was hat mein Lernen unterstützt?

Für mich ist das ein wesentlicher Teil des Lernens.

Die Schüler:innen arbeiten lieber klare Aufträge sauber ab, ohne wirklichen Kontakt zum Inhalt und ohne aktive Auseinandersetzung. Sie suchen nach Feldern, in die sie Ergebnisse eintragen müssen, wünschen sich, dass ich die Inhalte an der Tafel erkläre und häppchenweise zur Verfügung stelle, strukturiert und klar. Der Lernprozess ist ihnen egal, und zwar gar nicht mal aus Bequemlichkeit, sondern weil sie nie gelernt haben, dass der Prozess wichtig und wertvoll ist, dass er Freude macht, dass das der eigentliche Sinn ist.

Und beim Wort „Reflexion“ höre ich inzwischen kollektives und genervtes Stöhnen meiner Schüler:innen.

Ich halte das nicht für mangelnde Motivation oder Desinteresse und dies ist auch keine Kritik an meinen Schüler:innen. Sie tun nur das, was das System ihnen jahrelang beigebracht hat, sie „schülern“.

Seit einiger Zeit begleitet mich dazu ein Bild: Tiere im Käfig im Zoo. Nicht, weil Schüler:innen Tiere wären, sondern weil ihre Lernbiografien denen der Zootiere sehr ähnlich sind: Die Tiere könnten in der freien Wildbahn ein anderes, vielleicht sogar besseres Leben führen. Das ist ihr natürlicher Lebensraum, nicht das Gehege oder der Käfig. Aber sie treten nicht mehr hinaus, weil sie das Draußen nicht kennen. Sie empfinden die Käfighaltung nicht als Freiheitsberaubung, sie kennen schlicht keine Alternative. Und sie schätzen die gute Versorgung der Wärter:innen.

Ich sehe meine Schüler:innen genauso: Sie bewegen sich sicher im Rahmen, der ihnen vertraut ist. Aber sie haben kaum erfahren, wie Lernen jenseits fester Grenzen aussehen kann.

Oft sind wir Lehrkräfte ohne böse Absicht die Wärter:innen. Wir halten Türen geschlossen, weil der Lehrplan drückt, Prüfungen anstehen, die Zeit knapp ist und weil wir selbst so gelernt haben. Das System macht es leicht, Käfige stabil zu halten, und schwer, Türen zu öffnen.

Ich versuche, Türen zu öffnen, aber niemand verlässt den Käfig. Aus Gewohnheit, Unsicherheit und manchmal aus Angst, etwas falsch zu machen.

Die Schüler:innen sind nicht das Problem, sondern die Strukturen, in denen wir uns in der Schule bewegen, und es ist schwer, diese Strukturen aufzubrechen. Wir bewegen uns in Strukturen, die größer sind als wir, tiefer verwurzelt und schwer zu verändern. Es fällt mir schwer, diese Erkenntnis zu akzeptieren, und ich hadere sehr damit, aber mir fehlt auch manchmal die Kraft. Was mir Kraft gibt, ist die Ehrlichkeit meiner Schüler:innen, wenn sie sagen, dass sie so nicht gut lernen können. Sie haben das Vertrauen, mir das zu sagen, und das bedeutet mir viel.

Ich stecke gerade fest in diesem Prozess, und ich versuche, ihn geduldig auszuhalten und nicht aufzugeben oder zu resignieren. Ich lasse die Tür offen stehen, vielleicht kommt eines Tages eines der Tiere neugierig zur Tür und dann begleite ich es hinaus.